„Machen wir heute eine Aufführung?“ Mit diesen Worten stürmt der 8-jährige Markus in den Musiktherapieraum. Markus ist mit seiner Familie hier im Hospiz. Sie gönnen sich eine kleine „Auszeit“ vom anstrengenden Pflegealltag, denn Markus’ Schwester Helena ist mehrfach geistig und körperlich behindert. Helena sitzt im Rollstuhl, kann sich kaum bewegen und die Familie berichtet, dass die Kontaktaufnahme zu ihr immer schwieriger wird. Erklingt jedoch Musik, erscheint oft ein Lächeln auf ihrem Gesicht. In der Musiktherapie fängt sie während meines Singens an zu lautieren. Ich pausiere, erwidere dann diese Laute und bekomme eine Antwort. Im weiteren Verlauf moduliere ich die Laute zu einer kleinen Melodie, pausiere und erhalte wieder eine Antwort. Es entsteht ein Wechselspiel – eine Art musikalisches Gespräch. In der Musiktherapie mit Kindern wie Helena ist das schon ein großer Erfolg. Grundlage meiner Arbeitsweise bildet die „musikbasierte Kommunikation“. Sie bezieht sich auf die Äußerungen von Atem, Stimme und Bewegungen. Ich orientiere mich in meinen Interventionen an den Aktivitäten des Kindes. Manchmal ist das nur der Atem. Das Ein- und Ausatmen gibt ein Tempo und einen bestimmten Rhythmus vor, die somit eine musikalische Grundlage bilden. Ich kann in diesem Tempo und anhand des vorgegebenen Rhythmus etwas summen, trommeln oder auf einem Melodieinstrument spielen. Dabei entstehen oft erstaunliche Situationen: Der Atemrhythmus des Kindes verändert sich – und damit auch mein Spiel oder es hält die Luft an und ich höre auf zu spielen. Ein glucksender Laut zeigt vielleicht die Freude darüber, dass das Kind gerade einen für ihn sehr seltenen Moment erleben konnte; denn nun war es selbst Urheber einer Handlung – das Kind hat mit seiner Atmung bestimmt, wie mein Spiel verläuft.
Markus hat natürlich ganz andere Bedürfnisse: Er möchte einmal im Mittelpunkt stehen und allen zeigen, was er kann. Das gelingt sehr gut mit einer Aufführung. So nutzen wir die Musiktherapiestunde, um eine kleine freie Improvisation zu verabreden und auszuprobieren. Wir bauen im Aufenthaltsraum eine Bühne sowie Sitzplätze auf und präsentieren unser Musikstück. Als am Ende die Zuschauer klatschen, strahlt Markus über das ganze Gesicht. Aber nicht alle Geschwisterkinder können ihre Bedürfnisse so gut zum Ausdruck bringen wie Markus. Sie haben gelernt, sich zurückzunehmen und unterzuordnen. In der Musiktherapie erhalten sie die Möglichkeit, sich auf ihre Bedürfnisse zu konzentrieren und ihre Gefühle ohne Worte auszudrücken. Oft spiegelt sich in der Musik das momentane Empfinden der Kinder wieder. Manchmal entsteht im Anschluss ein Gespräch, in dem die Kinder über ihre Sorgen und Nöte reden.
Eine ganz andere musiktherapeutische Herangehensweise erfordert die Arbeit mit Kindern, die ihre letzte Lebensphase im Kinderhospiz verbringen. Aufgrund von körperlicher und seelischer Erschöpfung stehen entspannende Momente im Vordergrund. Dazu nutze ich vorwiegend Saiteninstrumente, Klangschalen und meine Stimme. Nach dem Satz: „Der Patient führt – der Therapeut folgt“ versuche ich, mich in die Situation einzufühlen und mein Spiel entsprechend zu gestalten. Es ist im Unterschied zum „Vorspielen“ eher ein „Für-Spielen“. Damit ist gemeint, dass hier kein fertig komponiertes Stück wiedergegeben wird, sondern eine ganz individuelle, von mir subjektiv gestaltete Musik erklingt, die sich meist am Atemrhythmus orientiert. Die Musik soll das Kind „einhüllen“ und ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Getragensein vermitteln.
Christiane Brock
(Musiktherapeutin)
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